Bücher für Designer
Genau gelesen und angesehen
Alle vorgestellten Bücher – ausführlich und liebevoll präsentiert.
Atelierhaus Art Factory: Kunst aufs Brot
Die Brotjobs sind für gewöhnlich nicht die, die man am meisten liebt. Ganz anders ist es bei dem "Brotbuch". Gestaltet von Michaela Müller AGD in Zusammenarbeit mit 15 Künstlern des Dünnwalder Atelierhauses Art Factory ist dieses Buch ein echtes "Herzenswerk".
Seit rund 10 Jahren arbeitet die Ateliergemeinschaft Art Factory jetzt in der ehemaligen Brotfabrik Schnass – Anlass für das Projekt "Kunst aufs Brot": 15 Maler, Fotografen, Objektkünstler, Zeichner und Druckgrafiker widmeten ihre Arbeit dem Brot. So verbindet das Brotbuch die Geschichte des Hauses mit seiner heutigen Nutzung – und sehr unterschiedliche Gedanken, Assoziationen und Geschichten zum Brot. Brot als Lebensmittel, als Symbol für die Erde und die Mutterliebe, als Teil des Alltags, als filigrane Struktur, als Schrift, als sinnliches Erlebnis.
"Das Projekt war ein Kraftakt, aber es hat sich wirklich gelohnt", sagt Michaela Müller und bestätigt, dass Künstler in der Zusammenarbeit nicht immer einfach sind – aber besonders inspirierend. So ist auch das Buch eine wunderbare Inspiration, in etwas vermeintlich Bekanntem Neues und Überraschendes zu sehen. cs
Format 21 x 21, Softcover, 72 Seiten
10 Euro
www.michaela-mueller-design.de
Victor Papanek: Design für die reale Welt – Anleitungen für eine humane Ökologie und sozialen Wandel
Inhalt des Buches
"Design für die reale Welt" ist entstanden vor dem Hintergrund einer erwachenden Umweltbewegung, die sich der vorherrschenden Industriekultur entgegenstellt und nach (Gestaltungs-)Alternativen sucht. Neben Kritik an Kultur- und Konsumverhalten entwickelt Papanek auf zum Teil humorvolle Art praxisnahe Designansätze für soziale und ökologische Gestaltung, bei der auch dezentrale und demokratische Aspekte eine Rolle spielen. Angesichts der heutigen Diskussionen zu Klima- und Umweltschutz und der Frage beziehungsweise Forderung nach der Rolle des verantwortlich handelnden Designers wird deutlich, wie sehr Papanek seiner Zeit voraus war. Auch heute fast 40 Jahre nach Erscheinen ist dieses Buch aktueller denn je mit Inhalten wie Konsumkritik, Umweltverschmutzung, sozialer Verantwortung in Industrie und Design, Fragestellungen zum Schutz der Urheber- und Patentrechte – bis hin zu Open Source Ansätzen bei Information und Produktion.
Diese frühen Ansätze begegnen einem heute überall – beispielsweise in Verbindung mit Stadtgrün und Guerilla-Gardening, wenn Papanek beschreibt, Straßenzüge mit Farbleitsystemen aus Flechten zu bepflanzen oder künstliche Disteln aus biologisch abbaubarem Kunststoff mit Pflanzensamen auf Trockenflächen aufzubringen, bei der Mobilität durch Sonne oder Wind (Segelfrachtschiffe mit computergesteuerter Takelage) oder dem durch demografischen Wandel stärker erforderlichen "Design für alle"...
Über den Autor
1923 wurde Victor Papanek in Wien geboren, emigrierte 1939 in die USA und studierte Architektur und Design. 1949 arbeitete er bei Frank Lloyd Wright, machte 1950 seinen Bachelor an der Cooper Union (New York) und unterhielt in New York das Designstudio "Design Clinic". Nach seinem Master of Arts am MIT (Massachusetts Institute of Technology) lehrte er.
Zeitlebens beschäftigte sich der Gestalter und Designphilosoph mit dem Verhältnis zwischen Moderne und Natur und Umwelt, unter anderem arbeite er auch auch als Anthropologe (u.a. mit Navajo-Indianern, Inuit und balinesischen Ureinwohnern). Bereits seit den frühen 1960er Jahren arbeitete er für die Vereinten Nationen und deren Organisationen mit Schwerpunkt auf alternativen Lehr- und Kommunikationsmethoden für Entwicklungsländer. Dabei entstanden aus heutiger Sicht bereits sehr früh bedenkenswerte Produktideen wie beispielsweise das "TIN-CAN-Radio", das für zahlreiche Kontroversen sorgte. Papanek lehrte Design an verschiedenen Universitäten (Purdue University, California Institute for the Arts, Royal Academy of Architecture in Kopenhagen und Manchester Polytechnic of Art and Design). Von 1981-87 war er Professor für Architektur und Design an der Universität in Kansas. Zwischen 1982-84 wurde er für sein Engagement im Bereich des Sozialen und Ökologischen Designs mehrmals für den Alternativen Nobelpreis nominiert. Papanek arbeitete in England, Jugoslawien, der Schweiz, Finnland und Australien und starb Anfang 1998 in Lawrence (Kansas).
Hintergründe zum Buch
"Design für die reale Welt" gilt als sein theoretische Hauptwerk. Bereits 1970 wurde es unter dem Titel "Miljön Och Miljonerna" in Schweden publiziert, dann 1971 in den USA herausgebracht und in über 20 Sprachen übersetzt. Das provokante Designbuch sorgte für seinen Ausschluss aus der Industrial Designers Society of America (IDSA), bescherte ihm aber vor allem den internationalen Durchbruch: Es zählt international zu den meist gelesenen Designbüchern aller Zeiten. Mit der deutschen Fassung soll der Autor zeitlebens nicht zufrieden gewesen sein, 1998 wurde mit einer von ihm selbst autorisierten deutschen Neuübersetzung begonnen, kurz darauf starb er. Zehn Jahr später erschien Ende 2008 die kommentierte Neuübersetzung, das Buch wurde ergänzt um eine erste wissenschaftlich belegte Biografie Victor Papaneks.
Über die Herausgeber der deutschsprachigen Fassung
Florian Pumhösel ist bildender Künstler in Wien. Seine Installation "on or off earth – Design für die echten Bedürfnisse und die Rhetorik der Alternativbewegung" (1996) befasst sich mit Victor Papaneks Arbeit und ihrem Entstehungszusammenhang.
Thomas Geisler lehrt an der Universität für angewandte Kunst Wien mit Forschungsschwerpunkt österreichische Designgeschichte sowie Material Culture Studies.
Martina Fineder lehrt an der Universität für angewandte Kunst Wien mit Forschungsschwerpunkt Geschichte und Material Culture sozialen und ökologischen Designs. Sie baut gemeinsam mit Thomas Geisler das Victor Papanek Archiv und Forschungscenter auf.
Gerald Bast studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und ist seit 2000 Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien. Zahlreiche Publikationen. www.dieangewandte.at
Naemi Reymann, Kommunikationsdesignerin
Düsseldorf im Juni 2011
Das Buch
- Papanek, Victor: Design für die reale Welt: Anleitungen für eine humane Ökologie und sozialen Wandel
- Herausgeber: Florian Pumhösel, Thomas Geisler, Martina Fineder und Gerald Bast.
- 424 S., mit zahlreichen Abbildungen, zum Teil farbig, Taschenbuch, Format 16 x 24 x 3,5 cm
- Preis: € 39,95
- ISBN 978-3211788929
- lieferbar seit/ab: 2009, 1. Auflage (1971 erstmals erschienen, 1984 aktualisiert)
- Springer Verlag, Wien, New York
- Bestellung über den Verlag oder jede gut sortierte Fachbuchhandlung
Englischsprachige Version
- Papanek, Victor: Design for the Real World: Human Ecology and Social Change
- 418 S., 121 s/w AbbildungenTaschenbuch, Format 19,8 x 13,6 x 2,4 cm
- Preis: £12.95
- ISBN 978-0500273586
- lieferbar seit/ab: 02/1985, 2. Auflage
- Thames & Hudson, London www.thameshudson.co.uk
Design kalkulieren – und Spaß haben
AGD Designer wissen es vielleicht ein bisschen besser als andere: Ebenso so wichtig wie das Gestalten ist in unserem Beruf die Kalkulation. Leider macht sie viel weniger Spaß und gelingt oft nicht besonders. Das soll jetzt besser werden! Denn AGD Kollege Marco Wilhelm Linke hat "Design kalkulieren" veröffentlicht.
"Design kalkulieren" ist ein Buch aus der Praxis und ein Buch mit Humor. Das macht es so lesenwert. Hier schreibt jemand, der die kleinen und großen Schwierigkeiten um das Kalkulieren und des Designers Scheu vor dem Thema kennt – und benennt. Man fühlt sich erkannt und schmunzelt:
Wie zum Beispiel verhält sich ein Designer, der vom Kunden bei der ersten Begegnung nach dem Preis seiner Arbeit gefragt wird? "Der nunmehr ganz und gar verunsicherte Designer bereitet den potentiellen Kunden nahezu entschuldigend auf einen möglichen Schock vor. Mit unnachahmlichem Einfallsreichtum wird um den heißen Brei philosophiert, um dann möglichst umständlich den kaum abschätzbaren Umfang der Arbeit zu erläutern. Tunlichst darauf bedacht, eine Vielzahl unbestimmter Variablen einzustreuen, die jederzeit nach oben (und vor allem nach unten) korrigiert werden können: 'Wenn ich nur den Entwurf erarbeite, wird es wahrlich ein wenig billiger, was natürlich auch von Ihrem Budget abhängt. Kommt noch die Reinzeichnung hinzu? Dann … na ja … das hängt natürlich davon ab, wo gedruckt werden soll. Ach so. Soll ich auch den Druck betreuen? Wissen Sie schon, wie viel Sie investieren möchten?' Gern benutztes Verhandlungsinstrument ist in der Endphase der Verzweiflung auch die Verwendung auffällig vieler Fremdwörter. Das erweckt einen professionellen Eindruck und hält den Kunden hoffentlich vom weiteren Nachfragen ab."
Doch natürlich bleibt es nicht bei Beobachtungen der eigenen Spezies. Marco Wilhelm Linke gibt sehr konkrete Tipps, wie Designer richtig rechnen, kalkulieren und argumentieren können. Einen Vorgeschmack haben die Leser des agd|viertel in der Ausgabe drei|viertel 2010 "Design und Geld" bekommen.
Projektgliederung im Bereich Webdesign, Kalkulation von Bürokosten, Vereinbarung von Nutzungslizenzen – kaum ein Thema aus dem Kalkulations-Alltag von Designern wird ausgelassen. Praxisbeispiele und Checklisten machen die Inhalte konkret und nachvollziehbar.
"Design kalkulieren" ist ein Buch, aus dem man lustvoll lernen kann. Nicht nur als Anfänger – und nicht einmal nur als Designer. Denn wie formuliert es ein Käufer: "Obwohl ich kein Designer bin, konnte ich Überlegungen und Ansätze in meine Welt übertragen und werde diese in Zukunft anwenden. Das ist ein wichtiger Punkt, der für die Qualität des Buches spricht." cs
Desgin kalkulieren
Marco Wilhelm Linke
Broschiert: 108 Seiten
Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (22. Juli 2010)
ISBN-10: 9783839166468
ISBN-13: 978-3839166468
ASIN: 3839166462
19,50 Euro
Es geht um uns!
Betrachtungen beim Lesen von Christhard "Otto" Landgraf
Pressemitteilung (1) – IDZ Berlin: News aus der Kreativwirtschaft:
"Deutsche Bank Research: Kreativwirtschaft als Milliardenmarkt
Wichtiger Wirtschaftsfaktor Kreativität: Deren Wachstumspotenzial hat die Deutsche Bank Research im Bericht 'Kultur- und Kreativwirtschaft' analysiert. Dieser attestiert dem Bereich, das er massiv Umsätze einfahren kann: 2009 sollen es 130 Mrd. Euro gewesen sein. Schon jetzt trägt er mit einer Million Erwerbstätigen 2,6 Prozent (rund 65 Mrd. Euro Wertschöpfung) zum Bruttoinlandsprodukt bei, stärker ist nur die Branche Maschinenbau mit 3 Prozent (rund 75 Mrd. Euro, Quelle: Statistisches Bundesamt 2008)."
Nachricht (2) – www.wuv.de
"Deutsche Bank: Kreativwirtschaft als Milliardenmarkt
[…]
Zur Zukunft bieten die Autoren Dapp und Ehmer einen rosigen Ausblick. 'Zwischen 2003 und 2009 wuchs die Kreativwirtschaft jahresdurchschnittlich um 1,9 Prozent; rechnet man das Krisenjahr 2009 heraus, lag die mittlere Wachstumsrate bei 3,1 Prozent', heißt es. 'Wir erwarten, dass die Branche bei richtiger politischer Weichenstellung – und ohne neuen Rückfall in eine ähnlich schwere Rezession – bis 2020 um jahresdurchschnittlich rund 2,5 Prozent zulegen könnte. Im Jahr 2020 stünde dann ein Umsatz von etwa 175 Milliarden Euro an.'"
Beide Meldungen befassten sich mit der Veröffentlichung:
Kultur- und Kreativwirtschaft: Wachstumspotenzial in Teilbereichen
Deutsche Bank Research, 2. März 2011, Thomas F. Drapp, Phillip Ehmer
Die Studie "Kultur- und Kreativwirtschaft" der Deutsche Bank Research PDF
Der Einstiegstext der Autoren auf der Website von BD Research hört sich jedoch ganz anders an:
"Die Kultur- und Kreativwirtschaft erbringt in Deutschland einen großen Teil der Wirtschaftsleistung und zeigte sich auch in der Rezession relativ stabil. Doch die Branche ist ein heterogener Wirtschaftszweig, dessen Segmente sich höchst unterschiedlich entwickeln. Das erfolgreiche wirtschaftliche Abschneiden ist auf wenige marktwirtschaftlich orientierte Zweige zurückzuführen. Weniger dynamisch wachsende Teilbranchen mit vielen Kleinstbetrieben haben dagegen Probleme bei der Finanzierung von Ideen und sind auf öffentliche Fördergelder angewiesen. Kann sich das Wachstum der Branche künftig beschleunigen? Welche Rolle spielen Schutzrechte? Gelingen der Politik entsprechende Weichenstellungen? Auf diese Fragen geht unsere neue Studie ein."
Nicht das Schulterklopfen, welche großartige Leistungen vollbracht werden, sondern eine kritische Bestandsaufnahme der Branche Kulturwirtschaft, seiner Heterogenität, seiner Probleme und seiner Erfolgsaussichten ist das Anliegen der Autoren. Und das gelingt ihnen sehr gut.
Die getrennte Betrachtung von Urheber und Vermarkter entsprechend ihrer Stellung in der Wertschöpfungskette führt zu differenzierten Bewertungen ihrer Akteure.
"Auf einer vorgelagerten Stufe befinden sich die Urheber einer Idee. Diese meist sehr kleinen Betriebe arbeiten in experimenteller Form und erstellen Prototypen. Auf einer nachgelagerten Stufe werden die Ideen von Großunternehmen oder Verwertungsgesellschaften vermarktet und Einzelanfertigungen vervielfältigt. Der schöpferische Akt findet in frühen Innovationsphasen statt, Distribution und Vermarktung in nachgelagerten Phasen.
[…]
Die beiden Wertschöpfungsebenen unterscheiden sich ferner durch unterschiedlich hohe Marktzutrittsbarrieren: Der Markteintritt eines Kreativschaffenden verlangt oft nicht mehr als eine Idee bzw. Talent … Folglich konkurrieren viele kleine Firmen miteinander … Auf der Ebene der Verwerter hingegen bestehen höhere Marktzutrittsschranken: Hier sind oft erhebliche Investitionen … notwendig. Auf dieser Ebene ist der Wettbewerbs- und Margendruck geringer.
[…]
Das Überangebot auf dem Arbeitsmarkt in der Kreativwirtschaft bewirkt außerdem, dass die Einkommen unterdurchschnittlich sind. In Teilen der Branche – tendenziell in den Segmenten mit überproportional vielen Selbstständigen – liegen die Einkommen nahe am Existenzminimum. Die Marktmacht der großen Konzerne auf der zweiten Wertschöpfungsstufe lässt diese stärker an der positiven Umsatzentwicklung der Branche teilhaben und ermöglicht höhere Löhne."
Für die schwache Position der vorgelagerten Stufe – die Urheber – sehen die Autoren mehrere Gründe:
- keine monetären Gründe für die Berufswahl (Verzicht auf Verdienstaussicht im Ausgleich für individuelle Freiräume)
- fehlende betriebswirtschaftliche Qualifizierung, fehlendes wirtschaftliches Know-how
- begrenzter Zugang zu Kapital und daraus resultierende Unterfinanzierung
- Förderungen der öffentlichen Hand erreichen nur einen Teil der Branche, Fördermaßnahmen sind auf die spezifischen Bedürfnisse nicht zugeschnitten
- die Kreativwirtschaft braucht einen neuen, differenzierten Innovationsbegriff
Es fehlen in diesem Beitrag aber auch nicht die Ansatzpunkte, wie diesen oben genannten Defiziten begegnet werden kann:
- Wie kann ein differenzierter Innovationsbegriff gebildet werden?
- geändertes Finanzierungsmodell, auf die Bedürfnisse von Kleinstbetrieben und Freiberuflern und die Banken zugeschnitten
- Stärkung des immateriellen Eigentumsrechts in der digitalen Welt
- Aktualität des Urheberrechts
- dezentrale staatliche Wirtschaftsförderung, individuelle Branchenförderung
Abschließend ist zu sagen: Ein feine Studie mit viel Sachkenntnis, die die Kleinstbetriebe und Selbstständigen, also die überwältigende Mehrzahl (97,1 %) der immateriellen Schöpfer in den Fokus stellt, Defizite anspricht und Lösungsansätze entwickelt.
Die Autoren haben unterschiedliche Quellen bemüht. Besonders die europäischen Vergleiche sind sehr schön: So sind die Niederländer Spitzenreiter bei den Kreativen (Deutschland: 7. von 27) und Kulturexporteur Nummer Eins ist Österreich (Deutschland: 13. von 27).
Wer in der wirtschaftspolitischen Diskussion zur Kultur- und Kreativwirtschaft mitreden will, sollte diesen Artikel lesen. Er bildet nach den beeindruckenden Zahlen von Herrn Söndermann einen ersten konstruktiven Ansatz zur Fortführung des Themas.
Berlin, 10. März 2011
Anmerkung: alle Hervorhebungen durch den Autor
Buchstabengeschichte(n)
Wie das Alphabet entstand und warum unsere Buchstaben so aussehen
Wer sich nicht nur für Schrift, sondern auch für die Geschichte der Schrift interessiert, macht bei dem gerade erschienenen Buch des AGD-Designers und Typografen Max Bollwage eine höchst interessante Entdeckung. Mehr als 10 Jahre hat Bollwage recherchiert und all das zusammengetragen, was er selbst und namhafte Schrift-Experten entdeckten: zum Beispiel die erst 1999 aufgefundene älteste Alphabetschrift in Ägypten westlich des Nils, die Richtigstellung vieler Klischees, wie die Mär von den dummen Humanisten, die die Karolingische Minuskel für die Schrift der Antike hielten, die Entstehung des "Eszet" entgegen der Vorstellung Jan Tschicholds oder die Behauptung, die Old English sei die englischste aller Schriften – sie entstand in Paris –und nicht zuletzt der Unsinn, der über den Schriftgebrauch im Dritten Reich selbst von den namhaftesten Fachleuten kolportiert wurde.
Darüber hinaus hat Bollwage festgestellt, dass wir die Kleinbuchstaben dem Schreiben in Wachs verdanken, dass die Antiqua seit 600 Jahren immer wieder neu entworfen wird und dass die Italic im Vatikan entstanden ist. Diese und viele weitere Details werden lebendig beschrieben und vielfach an Beispielen veranschaulicht.
Aus dem Inhalt:
- Mit Bildern hat es angefangen
- Aus der Wüste durch Kanaan übers Meer
- Wir schreiben noch immer römische Buchstaben
- Dem Schreiben in Wachs verdanken wir die Kleinbuchstaben
- Die Schriften mit dem Knick
- Die Antiqua, seit 600 Jahren immer wieder neu entworfen
- Die Schönen und die Schnellen, geschrieben und gedruckt
- Warum manche Schriften dicke Füße haben, andere dagegen gar keine
- Die Schrift geht mit jedem oder die Macht des Zeitgeistes
- Druckschriften heute.
Buchstabengeschichte(n) ist eine Geschichte der Schrift, wie sie in dieser Ausführlichkeit noch nicht publiziert wurde. Immer wieder überraschend sind die Geschichten innerhalb der Schriftgeschichte, die das Lesen für Schriftbegeisterte zur wahren Fundgrube werden lässt.
Heide Hackenberg
Buchstabengeschichte(n)
Autor Max Bollwage AGD
232 Seiten mit vielen Abbildungen
Preis 24,90 Euro
"Herrliches und üppiges Leben"
20 Jahre Mauerfall sind Anlass für das opulente Werk "Guido Ludes. Berlin different_view"
Wie lassen sich 20 Jahre Mauerfall angemessen feiern? Besonders in Berlin, dem Zentrum des Geschehens, das sich seither so sehr verändert hat. Mit opulenten Bildern, die nicht sachlich, sondern glühend und emotional das moderne Berlin zeigen. Mit einem Text, der poetisch und biblisch daherkommt und doch hochgradig politisch ist. Prof. Guido Ludes ist der Fotograf, der Text stammt von Heinrich von Kleist, gestaltet hat "Berlin different_views" Prof. Gregor Krisztian AGD.
"Mit dem 'Gebet des Zoroaster' eröffnete er (Heinrich von Kleist) am 1. Oktober 1810 ein damals revolutionäres Projekt: die 'Berliner Abendblätter', das erste Boulevardblatt der Zeitungsgeschichte und die erste täglich erscheinende Zeitung Berlins überhaupt.", schreibt in seiner Einleitung der Literaturexperte Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Kurzke. Die biblische Form der Ansprache wählte Kleist, um sich den nötigen Respekt zu verschaffen für seine "Kampfansage an die 'Thorheiten und Irrthümer', die 'Jämmerlichkeiten und Nichtigkeiten, die 'Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten
und Gleisnereien'".
Das 'Gebet des Zaroaster' bildet den sprachlichen Leitfaden durch das Buch. Sätze oder einzelne Wörter korrespondieren mit den Bildern und scheinen manchmal ganz und gar deren Bedeutung zu verändern. Die verfremdeten Fotos zeigen uns das Unbekannte an bekannte Orten, die Üppigkeit des Orients in einer westlichen Metropole, das Malerische in der Sache. Sie sind nichts für Puristen. Die Gestaltung von Gregor Krisztian führt Gebet und Bilder wirkungsvoll zusammen. "Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit, mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu meinem Beruf an."
Es gibt unzählige Bücher über Berlin, aber ein solches noch nicht. "Berlin different_view" macht großen Spaß, man mag sich darin verlieren. Das Buch wird zunächst in einer Auflage von 2000 Exemplaren gedruckt und am 1. Oktober in Berlin vorgestellt. Es erscheint bei der Mannheimer Edition Panorama.
Text deutsch/englisch
großformatiges Hardcover (280 x 370 mm)
ca. 128 Seiten
unterschiedliche Titelmotive zur Auswahl
99,00 Euro zuzüglich 7% MWSt.
Subskriptionspreis bis 30. September 2009:
79,00 Euro zuzüglich 7% MWSt.
Bestellungen: berlinbuch(at)value-communication.com
Aaris Sherin: "Grafikdesign nachhaltig – Ein Handbuch über Materialien und Herstellungsverfahren für Grafikdesigner und deren Kunden"
Gleich vorne weg: Wer einen Bildband über nachhaltiges Grafikdesign erwartet, wird enttäuscht sein. Die Übersetzung des Originaltitels ist, aus welchem Grund auch immer, sehr ungenau und verspricht etwas, was die Autorin auch gar nicht einlösen möchte. Es ist "Handbuch über nachhaltige Materialien und Herstellungsverfahren für Grafikdesigner und deren Kunden".
Trotz dieser Einschränkung gehört dieses Buch in jede Handbibliothek. Es ist ein Buch zum Lesen, zum Einsteigen und zum Nachdenken. Aaris Sherin gelingt es, das Thema der nachhaltigen Produktion im Printbereich zu entzaubern, auf die Beine zu stellen (im theoretischen Teil) und laufen zu lassen (im praktischen Teil).
In der heutigen Zeit bewegt sich Nachhaltigkeit jenseits von Schuldgefühlen und Weltuntergangsstimmung. Nachhaltigkeit ist bei vielen als ein langfristig wirkendes Konzept aus ökologischem, sozialem und wirtschaftlichem Handeln anerkannt. Für den engagierten Grafikdesigner eröffnen sich daraus neue Möglichkeiten, zukunftsfähige Lösungen anzubieten.
Die wichtigsten Eckpunkte für Grafikdesigner für verantwortungsvolles Handeln beschreibt die US-Amerikanerin in ihrem Buch. Es ist Einstieg und Anregung, sich im Grafikdesign mit nachhaltigen Materialien, ihrem Einsatz und den Prozessen, besonders mit "greenPrinting", zu beschäftigen und hält, was es im Untertitel verspricht. Es beschreibt den Einsatz von Materialien und Verfahren und es ist für Grafikdesigner und deren Kunden geschrieben: verständlich, sachlich und bodenständig – ein freundliches Buch.
Es besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Und besonders erfreulich ist, dass beide Teile gleich viel Platz einnehmen, jeweils circa 80 Seiten. Der Schwerpunkt liegt auf Druck-Erzeugnissen, im Praxisteil wird auch Verpackungs-Design angerissen. Das Buch wird aufgelockert durch Statements von Designern. Weiterhin bietet das Buch einen kleinen, aber feinen Informationsteil mit wertvollen Online-Quellen, wo man sich über neue Entwicklungen, Ratgeber und Netzwerke informieren kann. Leider hat man es bei Übersetzung und Lektorat versäumt, deutsche Quellen zu ergänzen.
Im theoretischen Teil wird die Methode des nachhaltigen Produzierens anhand des Papierkreislaufes beschrieben. Von der nachhaltigen Forstwirtschaft über Papierherstellung, Druck und Recycling. Man erfährt einiges über ökologische Gütesiegel und Labels (hier hätte ich mir ebenfalls Ergänzungen und Erweiterungen in der deutschen Ausgabe gewünscht). Bei dem Thema Papierherstellung werden außerdem Papier-Unternehmen und ihre Umweltkonzepte vorgestellt. Farben, flüchtige Lösungsmittel, Pigmente, Reinigungsmittel, Wasser und Energie braucht der Offsetdruck. Aaris Sherin zeigt, wo Ansatzpunkte für Einsparung und effizienten Einsatz liegen und zeigt Alternativen auf. Ein besonderer Abschnitt beschäftigt sich ausführlicher mit Alternativen zum Papier aus Holz-Frischfasern: Recyclingpapier, holzfreie Papiere aus organischen und anorganischen Fasern.
Im zweiten Teil widmet sich Aaris Sherin der praktischen Umsetzung und zeigt uns, wie Nachhaltigkeit Leben und Arbeit in Designstudios, firmeninternen Designabteilungen und Non-Profit-Organisationen bestimmt. Aus den Praxisbeispielen, gesammelt in Australien, Argentinien und den USA, erfährt man viele Details über Hintergründe, Lösungsansätze und zu überwindende Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit Kunden und bei der Entwicklung nachhaltiger Lösungen. Die neun gewählten Beispiele zeigen anschaulich, wie mit nachhaltigem Denken und Handeln langfristig an Profil und Kompetenz gewonnen werden kann – der Designer wie der Kunden.
Das Buch selbst kommt etwas ungewöhnlich daher. Jedes Exemplar sieht anders aus. Das kommt daher, dass für Hardcover und Vorsatzpapier Makulatur aus dem Innenteil benutzt wurde – feine Idee! Bei der Auswahl des Papiers und der Druckerei wurde auf ökologische Aspekte gesetzt. Der Erst-Verlag Rockport Publisher wollte ein Beispiel für nachhaltiges Grafikdesign liefern.
Bei einem so wichtigen Buch fällt es besonders schwer, kritische Punkte anzumerken. Aber einen Punkt sollte man nicht unerwähnt lassen. Das Grafikdesign des Buches ist auf keinen Fall nachhaltig. Hier hat man eine Chance verspielt, mit alternativer und nachhaltiger Buchgestaltung einen Meilenstein zu setzen und anschaulich zu zeigen, dass gerade ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Grafikdesign der Idee und dem Produkt eher gerecht wird als die Umsetzung "konventionellen" Designs mit nachhaltigen Produktionsmethoden. Gerade in der Entwurfsphase kann durch den überlegten Einsatz von Farbe, Typografie, Bildsprache und Layout eine neue Qualität erreicht werden. Sowohl gestalterisch wie auch produktionstechnisch.
Eine weitere Anmerkung sei mir noch erlaubt: In meinen Augen – im Buch wird es an den Praxisbeispielen auch ersichtlich – fängt Grafikdesign nicht mit der Auswahl von Papieren an, sondern schon bei der Beratung der Kunden, bei der Konzeptentwicklung. Modernes und damit auch nachhaltiges Grafikdesign sucht und findet den Einstieg an der Wiege jedes Kommunikationsverlangens und entscheidet mit über das Wie-und-Was, über Mittel und Wege. Hier vermisse ich im Buch Anregungen und Methoden, wie man ein nachhaltiges Konzept entwickeln kann.
Als Fazit: Bitte lesen Sie das Buch von Aaris Sherin. Nicht alle Fragen werden beantwortet, aber die erste und vielleicht wichtigste Antwort des Buches lautet: Nachhaltiges Produzieren im Grafikdesign ist manchmal einfacher als man glaubt. Es kann allerdings auch sehr komplex sein. Es ist weder teuer noch angestaubt. Packen wir es an.
Und gestatten Sie, dass ich mich selbst zitiere: »Unser Handwerkzeug ist kein anderes als bei allen Designern. Entscheidend ist die Haltung, mit der wir es gebrauchen. Unser ökologisches Wissen versetzt uns in die Lage und nimmt uns in die Pflicht, Kommunikation konzeptionell und komplex im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit zu gestalten.«
Christhard Landgraf, Grafikdesigner
zappo [Agentur für Kommunikation] GbR, Berlin
Berlin, Juni 2009
Das Buch:
- Sherin, Aaris: Grafikdesign nachhaltig
- lieferbar seit/ab: 04/2009, 1. Auflage
- 192 S. , über 300 Abb., Format: 25,6 x 21,5 x 2,0 cm, Fester Einband
- ISBN 978-3-8307-1365-4
- Preis: € 38,00 [D] € 39,10 [A] SFR 61,90
- Bestellung über den Verlag
oder jede gut sortierte Fachbuchhandlung
Das Original:
- Sherin, Aaris: SustainAble
- July 2008, Rockport Publishers, Inc.
- ISBN-10: 1592534015 | ISBN-13: 978-1592534012
- $40.00 | $43.95 Canadian | £25.00
- Hardcover, 300 photos/illustrations, 192 Pages, Size (in): 6.75 x 10
Über die Autorin:
- Aaris Sherin arbeitet freiberuflich als Autorin, Dozentin und Designerin. Am Rochester Institute of Technology erwarb sie den akademischen Grad Master of Fine Arts. Sie unterrichtet Grafikdesign an der St. Johns University in Queens, New York. [mehr zur Autorin]
Die Abenteuer des Ritters Gawain
War es früher schöne Sitte, zu Weihnachten Gebautes und Gebasteltes zu verschenken, wagt das heute kaum noch jemand. Mit dem Bilderbuch "Die Abenteuer des Ritters Gawain" von Edmund Jacoby (Text) und Daniela Kirchlechner AGD (Bilder) wird sich das wieder ändern. Denn selten haben kindliche und erwachsene Ritterfreunde etwas so Bezauberndes und Ausrucksstarkes gesehen.
Daniela Kirchlechner hat alle Figuren – Ritter, Damen, Pferde, Drachen – selbst gebaut, dann in ebenfalls selbst gebaute Landschaften gestellt und fotografiert. Anschließend erfolgte eine digitale Nachbearbeitung. So entstanden märchenhafte, üppige Bilder; sie zeigen uns das Mittelalter von seiner schönsten Seite.
Und sie zeigen es auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise, denn Fotobücher für Kinder sind eine absolute Rarität. Laut Spiegel war das letzte Fotobuch für Kinder, das in Deutschland auf dem Markt erschien, "Mein Esel Benjamin" von Hans Limmer. Erscheinungsjahr 1968!
Man kann sagen: Der Ritter Gawain verbindet in seinen Bildern Mittelalter und Revolution. Und auch in der Geschichte mischt sich Archaisches mit modernen Ansichten. Als Gawain seine spätere Gemahlin fragt, was Frauen sich am meisten wünschten, antwortet sie ihm: "Sie wollen frei und unabhängig und keinem Mann untertan sein."
"Die Abenteuer des Ritters Gawain" sind ein Aufruf zu Freundschaft und Ritterlichkeit, ein Appell an die Phantasie und ein Vergnügen für Kinder, Frauen und Männer, die Ritter und schöne Dinge lieben.
Die Abenteuer des Ritters Gawain
Edmund Jacoby
Daniela Kirchlechner
Verlag: Jacoby & Stuart (27. August 2008)
ISBN-10: 394108707X
ISBN-13: 978-3941087071
Größe und/oder Gewicht: 32,8 x 25,6 x 1 cm
Preis: 14,95 Euro
www.daniela-kirchlechner.com
Design Ecology! Neo-Grüne Markenstrategien
Jutta Nachtwey und Judith Mair haben versucht, sowohl für „nachhaltig bisher Unbefleckte“ einen Weg in das weite Themenfeld Ökologie und Design behutsam und unaufdringlich zu ebnen, als auch den „Öko-Designern“ die Möglichkeit zu bieten, Wissenslücken zu füllen und Anregungen zu bekommen. „Und mehr Wissen ist [...] ein gutes Mittel für ein gutes Gewissen.“
Das Buch der Autorinnen ist mächtig, es wiegt knapp zwei Kilogramm. Aber nicht nur sein Gewicht, sondern auch sein Inhalt wiegt schwer, denn umweltfreundliche Gestaltung wächst in seiner gesellschaftlichen Relevanz. Auf 272 Seiten bei einem Format von 21,5 mal 30 Zentimetern taucht der Leser in die Welt des ökologischen, nachhaltigen und sozial gestalteten Designs ein.
Der Buchumschlag ist haptisch als auch künstlerisch eine Freude, der schwarze Leineneinband lässt den weißen, leicht tiefer gelegten Titel nur so strahlen. Das Vorwort, bestehend aus 11 Doppelseiten, entspricht eher einem „Vorbild“. Das visuelle Intro zum Thema Nachhaltigkeit und Ökologie in der Unternehmenskommunikation ist in Form von Schwarz-Weiß-Fotografien, die mit ausgewählten Zitaten bespickt sind, gehalten.
Das Hauptaugenmerk des Buches liegt bei der Präsentation der rund 70 internationalen Projekte, die von Ein-Personen-Büros bis zu großen, global agierenden Organisationen reichen. Jeweils vier bis zehn Beispiele werden aus Mode, Gastronomie, Initiativen, Food, Wohnkultur, Kosmetik, Recycling, Magazine/Portale, Kinder, Papeterie, Neue Energie und Haushaltsreiniger vorgestellt. Zu bedauern ist, dass die Autorinnen den Leser nicht in den Prozess Einblick nehmen lassen, nach welchen Kriterien die Beispiele ausgewählt wurden. Die Auswahl der Beispiele, das fällt auf, sind sehr eurozentristisch: Es werden lediglich Beispiele aus der Ersten Welt gezeigt, mit Ausnahme von einigen Kooperationen mit Organisationen aus dem Süden.
Die Beispiele und die darauf folgenden Interviews von Involvierten begeistern und muntern auf. Wie zum Beispiel die Initiative „Trees for Free“, deren Konzepte auf der Grundidee „The best Things in life are free“ basieren. Die Initiative pflanzt Setzlinge und Bäume mit knallbunten Schildern dekoriert, die normalerweise in Discountern Sonderangebote anpreisen. Zum Beispiel: „kostenloses Vogelgezwitscher“ oder „schluckt Lärm“. Und manche Dinge sind vor allem wunderschön anzusehen wie der vorgestellte Regenschirm von „The Brelli“, der leicht wie eine Pusteblume erscheint und dabei zu 100 Prozent biologisch abbaubar ist.
Im Anschluss an die Interviews folgt ein gut verständlicher Überblick über die Gestaltungsmöglichkeiten der Designer bezüglich ökologischeren Printdesigns. Auch die Frage, was bei der Wahl einer umweltfreundlicheren Verpackung zu beachten ist, wird beantwortet. Die Texte verweisen immer wieder auf Webadressen, so kann man sich zum Thema ökologisches Design weiter informieren und über die dargestellten Beispiele näheres erfahren.
Das Credo des nachhaltigen Designs wurde konsequenter Weise von Nachtwey und Mair auf das eigene Buch angewandt, so dass die beiden selbst mit gutem Beispiel in der ökologischen Printproduktion vorangehen. Das Papier stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft und ist PEFC-zertifiziert. Statt einer Einschweißfolie haben sich die Autorinnen für Pergamin-Papier entschieden und beim Druck wurde der Verbrauch fossiler Brennstoffe reduziert, da die Abwärme des Druckprozesses der Klimatisierung der Büroräume von Druckerei und Verlag dient.
Nachtwey und Mair gelingt es, die zahlreichen Beispiele ästhetisch und wertvoll zubereitet zu präsentieren, ohne den ökologischen Zeigefinger zu heben. Sie zeigen nicht den einen goldenen Weg, sondern plädieren für verschiedene Maßnahmen und Strategien, die alle dazu beitragen, unsere Umwelt nachhaltiger zu gestalten. Durch die Leichtigkeit und die ästhetische Gestaltung ist „Design Ecology!“ ein Buch, welches nicht ausschließlich nur die bereits ökologisch Interessierten aufmerksam lesen werden. Denn gute Ideen professionell verpackt und umgesetzt, wie es die Beispiele zeigen, dürften bei Vielen die Augen aufleuchten lassen.
Jutta Nachtwey, Judith Mair:
Design Ecology! Neo-Grüne Markenstrategien.
Verlag Hermann Schmidt Mainz, 2008
ISBN-Nummer: 978-3-87439-763-6
68 Euro
Hanna Buse
„randnotizen“ - Hundert Mann und ein Befehl
Als Berufssoldat in Afghanistan, als Mensch in der Heimat
Ein Tagebuch zweier Welten
von Simone Uetz AGD
Die Erinnerungen des Berufssoldaten Uwe D. an seinen Auslandseinsatz in Afghanistan lagen versteckt in einer Kiste, bis sie zufällig von der AGD Kollegin Simone Uetz ausgegraben wurden. Sie schuf daraus eine ungewöhnlich gestaltete Tagebuch-Dokumentation, die den Leser eintauchen lässt in die verborgene Gefühlswelt eines Soldaten, der den „Krieg gegen den Terror“ am Hindukusch hautnah erlebt hat.
Auf 128 Seiten werden die Bilder und Texte des Autors, Notizen und Pressezitate in Beziehung gesetzt, so dass der Leser aus verschiedenen Perspektiven in die verborgene Welt des deutschen Soldaten in Afghanistan blicken kann. Eine Welt hinter dicken Kasernenmauern, aus der nur selten etwas an die Öffentlichkeit dringt, das über das politisch oder strategisch Gewünschte hinausgeht. Eine ganz persönliche Schilderung, die sich (für ihn überraschend) als stellvertretend für die Erlebnisse vieler deutscher Soldaten heraus gestellt hat, so Uwe D.:
"Ich hätte nicht gedacht, dass das Buch für so viele Kameraden und Kameradinnen eine Hilfe zur Verständigung mit ihren Angehörigen sein kann. Ich beschreibe doch einfach nur meine "zwei Welten". Wenn die Soldaten meine Randnotizen tatsächlich als ihre "Stimme" ansehen, weil sie sich selbst meist nicht zum Ausdruck bringen können, darf das Buch nicht wieder in der Schublade verschwinden." Sowohl Kameraden als auch Zivilisten sparen nicht mit Anerkennung:
"… das Buch spiegelt die innere Zerrissenheit der handelnden Personen, die Zwiespältigkeit der Politik, die Situation der Bevölkerung zwischen Zerstörung und Neubeginn perfekt wieder. Das Kommunikationsergebnis ist: Eindringlichkeit…" (Georg Engels, Braun Engels Gestaltung, Ulm)
"… Hauptfeldwebel D.s Eindrücke visuell gekonnt verschränkt mit Fotos, Hintergrundinformationen und Meldungen der Weltpresse, machen die Dichte des Buches aus. Und erreichen damit auch eine neue Qualität gegenüber all dem - was über das Thema Afghanistan in Bild und Text an uns herankommt… ." (Steffen Kallinowsky, corporate architects, Erlangen)
"Jeder Soldat, der im Einsatz war, findet sich in der einen oder anderen Weise in dem Buch wieder." (Michael K., Oberstabsfeldwebel / ehemals im Einsatz KFOR, SFOR, ISAF)
Der Autor ist heute Kompaniefeldwebel an einer Schule der Bundeswehr.
Simone Uetz-Fugel lebt und arbeitet selbständig als Grafik- und Webdesignerin in Isny im Allgäu.
Von jedem verkauften Buch wird 1 Euro an das Soldatenhilfswerk e.V. gespendet, das schnelle und
unbürokratische Hilfe leistet für Soldatinnen und Soldaten, die unverschuldet in Not geraten sind.
Das Buch erscheint am 1. November 2008
Simone Uetz-Fugel Independent Verlag
24,80 €, zzgl. Versand | ISBN 978-3-00-025407-9
zu bestellen direkt beim Verlag unter
www.randnotizen.info
Das Buch der lernenden Organisation
Planungshandbuch für Konferenz- und Kommunikationsräume
Das Buch ist Credo des Unternehmens Wilkhahn, das als Familien-Unternehmen mit
Mitarbeiter-Beteiligung die Prinzipien der »Lernenden Organisation« seit langem vorbildlich praktiziert. In anschaulicher Sprache flüssig geschrieben, empfiehlt das Buch 20 Jahre Entwicklung und Erfahrung zur Erleichterung der Kommunikation in der Arbeitswelt. Der Text auf der Rückseite des großformatigen Buches verspricht »ein fundiertes Nachschlagewerk für den täglichen Gebrauch, das für die Organisation von Veranstaltungen Tipps und Anregungen gibt«. Von hinten nach vorn geblättert ergibt als ersten Eindruck: Freude! Deutlich gegliedertes Layout, vorbildliche Typografie, durchgängig mit der klaren Schrift »Frutiger«, eine Fülle von Abbildungen. Ich bleibe hängen bei Seite 20/21 unter der Überschrift »Grundlegende Thesen zur Planung von Konferenz- und Kommunikationsräumen« und lese »... ist das informelle Gespräch eine der wichtigsten Quellen für Kreativität und neue Ideen. Je öfter sich Informationen »begegnen« können, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für einen neuartigen Verknüpfungspunkt. Die Intensität und Vielschichtigkeit der Face-to-Face Begegnungen kann durch keine noch so ausgefeilte Medientechnik ersetzt, wohl aber durch sie unterstützt werden ... Die Zielsetzung der »lernenden Organisation« fördert qualifizierte Kommunikation- und Medienkompetenz – integriert in die Tagesarbeit .
«Der Inhalt ist gegliedert in: > Klassische Konferenz- und Besprechungsräume, > Schulung und Seminar, > Konferenzwerkstatt, > Versammlungsräume, > Auditorium und Hörsaal, > Planungsgrundlagen und Medieneinsatz, > Arbeitsplätze für Kommunikation, > Räume und Orte für Teamarbeit, > Orte für Beratung und Verkauf, > Wegezonen, Foyer und Lounge. In der Seitenfolge beginnt jedes Kapitel mit einem großen Situationsfoto (leider alle sehr untypisch). Es folgt »Auf einen Blick« mit einer Stückzahl-Liste zur Möblierung für eine angenommene Teilnehmerzahl, (lässt sich als Bestellliste fotokopieren), vor den Möblierungsbeispielen in Isometrien, Grundrissen und Raummaßen für die unterschiedlichen Kommunikations-Situationen.
Das Kapitel »Konferenzwerkstatt« öffnet mit Wort und Bild die Welt von Metaplan, OpenSpace, FutureSearch, WorldCafe, DynamikFacilitation: Selbstorganisation mit flexibler Möblierung, viel Licht, schnelle Umbauten, einfache Visualisierungs- und Dokumentationstechnik-Technik. Leider fehlt die Darstellung des großen Stuhlkreises einer Plenar-Eröffnungsrunde mit einer Formel für das Verhältnis von Anzahl der Stühle zu Kreisdurchmesser für den entsprechenden Flächenbedarf. (Nach meiner Erfahrung gilt für 100 Stühle (S) im Kreis ein Durchmesser (d) von 20 m: S100/d20, S75/d15, S50/d10.)
»Je besser und hochwertiger ein Raum ausgestattet ist, desto pfleglicher ist der Umgang der Nutzer mit dem Inventar« entspricht meiner Erfahrung in der Abwehr der leidigen Wandalismus-Befürchtungen von Auftraggebern. »... erfordert konzentrierte Kopfarbeit regelmäßige Pausen, für die ein Ortswechsel, wenn möglich an der frischen Luft, unbedingt vorzusehen ist « und das Kapitel zum Betriebsrestaurant »als Knotenpunkt informeller Kommunikation sollte den ganzen Tag geöffnet sein« mit »angemessenen Zutaten, womit die Aufgaben der Küche angesprochen sind« plädiert engagiert für das leiblich/geistige Wohlbefinden von Mitarbeitern und Teilnehmern.
In den Applaus für Autoren, Herausgeber und Verlag seien einbezogen die historischen Wegbereiter der 30-er, 60-er und 70-er Jahre: Bauhaus, Hochschule für Gestaltung Ulm und Quickborner Team.
Das Buch schafft elegant die Verbindung zwischen einem Essay über das Verhältnis von Mensch, Raum, Prozess und Technologie im 21. Jahrhundert und einem Einrichtungshandbuch mit detaillierten Material- und Funktionsbeschreibungen. Sehr empfehlenswert.
Florian Fischer
Guido Englich, Burkhard Remmers
Planungshandbuch für Konferenz- und Kommunikationsräume
Herausgegeben von Wilkhahn,
2008 im Birkhäuser Verlag
gestaltet von Englich+Partner,
Berlin
Format 26,5x27,5 cm,
304 Seiten mit ca. 100 Planungsbeispielen,
Illustrationen und farbigen Abbildungen,
ISBN 978-3-7643-8682-5,
Preis: 59,90 EUR.
Young German Design
»Der Designer muss sich und seine Arbeit stets erklären und rechtfertigen. In entscheidenden Positionen [in Unternehmen und Behörden] fehlen nicht selten Personen mit Designkompetenz. Insbesondere Grafik-Designer leiden unter der mangelnden Anerkennung ihres Berufes.«
Katja M. Becker, Stephanie Podobinski
Es ist mehr. Das Buch »Young German Design« bietet 30 jungen deutschen Designbüros Raum zur Präsentation. Doch: Es ist mehr als ein weiterer Katalog des vermeintlichen Who-is-Who der Designszene. Die Herausgeberinnen Katja M. Becker und Stephanie Podobinski (beide sind Mitglied der AGD) lassen die Designkollegen nicht nur ihre Arbeiten abbilden, die Grafik-Designer müssen Farbe bekennen: Wie gestalten junge deutsche Designer? Wie sehen sie sich selbst? Wo ordnen sie deutsches Design im internationalen Rahmen ein? Was macht eigentlich deutsches Design aus? Jedes Büro, jeder Designer, jede Designerin hat 16 Seiten zur Beantwortung und Bebilderung dieser Fragen zur Verfügung.
Dieser Darstellungsraum zeitigt Überraschendes und Aha-Effekte: Das Corporate Design des »ateliers september« für das Theater und das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg hat genügend Platz, um sich zu entwickeln und zu beeindrucken. Um zu begreifen, wie die Plakatreihe »Gegen das Vergessen. Shoa.de« funktioniert, die das »Büro Weiss« inszeniert hat, muss nicht zur Lupe gegriffen werden. Drei Seiten nutzt »Lollekundbollek.de«, um das Corporate Design von »Total Recall – Festival des nacherzählten Films« vorzustellen. Zum Glück hat Daniela Höhmann eine Doppelseite, um allen, die unter Schaben, Mäusen oder Ameisen leiden, zu empfehlen: »Seien Sie ein schlechter Gastgeber.« Ihr Auftraggeber war der Verband Deutscher Schädlingsbekämpfer; dessen Kunden lässt sie als Give-away eine CD mitgeben, auf der »La Cucaracha« in 22 Varianten zu hören ist.
»Young German Design« hält endlich einmal das, was einem andere Branchenkataloge nur versprechen: Man wird inspiriert, hat Spaß beim Blättern und lernt Designer kennen und Neues aus der Designbranche. Wussten Sie, dass Fons Hickmanns erster Kontakt mit Typographie darin bestand, für LinoType in einem Holz-T über eine Messe zu wandeln? Da er das recht rüpelhaft tat – er konnte nur die Beine bewegen, der Rest seines Körpers steckte unbeweglich in einem Holzkokon –, wurde er bis zum Abend zweimal angezeigt: wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung.
Natürlich ist Fons Hickmann kein »Young German Designer«, obwohl er sich selbst noch so sieht: Er ist einer von elf »alten« Design-Hasen, deren Einschätzungen zu Design in Deutschland im allgemeinen und zu jungen Büros und Kollegen im speziellen den zweiten großen inhaltlichen Block des Buches liefern. Manches ist persönlich (Frage: Nach welchen Kriterien haben Sie Ihren Standort gewählt? Antwort Fons Hickmann: Besserer Sex.), manches kritisch (Frage: Was denken Sie über aktuelles Grafik-Design aus Deutschland? Antwort Mario Lombardo: Pauschal betrachtet ist es eine Katastrophe.) und manches möchte man ob seiner Plattheit einfach nicht auch noch lesen (Frage: Warum haben Arbeiten von jungen, noch unbekannten Grafik-Designern selten eine Chance bei Designwettbewerben? Antwort Claus Koch: Qualität hat immer eine Chance.).
Äußerst lesenswert ist dagegen der Einführungstext von Prof. Dr. Michael Erlhoff: Unter dem Titel »Forever Young« zeichnet der gelernte Germanist und Soziologe eine Kurzgeschichte von 100 Jahren deutschem Design. Prägnant, kurzweilig, kritisch und informativ.
Als roter Faden zieht sich die Frage, was ist eigentlich deutsches Design, durch das Buch. Eine Antwort? Die gibt es nicht – sondern viele. »Klare Form«, »solide«, »durchdacht« werden ebenso genannt wie Autos von Mercedes oder der Rasierer von Braun. Viele der Designerinnen und Designer wünschen dem deutschen Design jedoch mehr Mut und Selbstbewusstsein. Aber ja, pflichtet man gerne bei. Doch warum heißt das Buch eigentlich »Young German Design«? Wenigstens der Untertitel hätte doch auch auf Deutsch funktioniert.
»Wie bekannt zeichnet sich der Deutsche nicht durch übermäßige Risikobereitschaft aus. Das spiegelt sich auch im Grafik-Design wieder. Schuld daran ist natürlich immer der Kunde.«
Carsten Hermann, atelier september
»… Sturheit und Ignoranz [verleiten] auch jüngere Designerinnen und Designer gelegentlich leider dazu, ihr intelligentes Engagement und ihr kluge Freude am Experiment allmählich zu negieren und sich in der Banalität häuslich einzurichten.«
Prof. Dr. Michael Erlhoff
Young German Design
Katja M. Becker
Stephanie Podobinski
DOM Publishers
88 Euro
Boris Buchholz






































