Direkt zum Inhalt

Allianz deutscher Designer (AGD) e. V.

Anschrift

Steinstraße 3, 38100 Braunschweig, Telefon: +49 (0)531.16757, Telefax: + 49 (0)531.16989, Internet: http://www.agd.de

drei|viertel Design Kult und Glaube

Das Online-Special.

 

Die Kraft der Marke

Zu unserem Beitrag über Apple Macintosh auf den Seiten 06 und 07.

 

Ein neuer Heiliger Krieg: Mac gegen DOS

Umberto Eco

Ungenügende Beachtung hat der verborgene neue Religionskrieg gefunden, der im Begriff ist, unsere moderne Welt tiefgreifend zu verändern. Ich habe den Verdacht schon lange, aber jedesmal, wenn ich ihn irgendwo erwähne, stelle ich fest, dass die Leute mir spontan zustimmen.

Tatsache ist, dass die Welt sich heute in Benutzer des Macintosh und Benutzer der mit DOS laufenden Computer teilt. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Macintosh katholisch und DOS protestantisch ist. Mehr noch, der Mac ist katholisch im gegenreformatorischen Sinn, durchdrungen von der jesuitischen "ratio studiorum". Er ist heiter, freundlich und entgegenkommend, er sagt dem Gläubigen, wie er Schritt für Schritt vorgehen soll, um wenn nicht das Himmelreich, so doch den Moment des erfolgreichen Ausdruckens der Datei zu erreichen. Er ist katechistisch, das Wesen der Offenbarung wird in verständliche Formeln und prächtige bunte Ikonen gefasst: Jeder hat Anrecht auf das Heil.

DOS dagegen ist protestantisch, ja geradezu calvinistisch. Es sieht eine freie Auslegung der Schriften vor, es verlangt schwierige persönliche Entscheidungen, es zwingt dem Gläubigen eine subtile Hermeneutik auf und nimmt als gegeben, dass nicht jeder zum Heil gelangt. Um das System funktionieren zu lassen, sind persönliche Exegesen des Programms erforderlich. Weit entfernt von der barocken Festgemeinde, sitzt der Benutzer eingeschlossen in der Einsamkeit seiner Gewissensnot.

Man wird mir entgegenhalten, mit dem Übergang zu Windows habe die DOS-Welt sich der gegenreformatorischen Toleranz des Macintosh angenähert. Richtig: Windows repräsentiert ein Schisma vom anglikanischen Typus, grosse Zeremonien in der Kathedrale, aber stets mit der Möglichkeit einer schnellen Rückkehr zu DOS, um aufgrund bizarrer Entscheidungen eine Vielzahl von Dingen zu ändern; letztlich könnte man, wenn man will, auch das Priesteramt den Frauen anvertrauen.

Natürlich haben Katholizismus und Protestantismus der beiden Systeme nichts mit den kulturellen und religiösen Positionen ihrer Benutzer zu tun. Neulich musste ich entdecken, dass Franco Fortini, der strenge und immer zerquälte Dichter, der noch dazu ein erklärter Feind der Gesellschaft des Spektakels ist, auf einem Macintosh schreibt, es war kaum zu glauben. Allerdings muss man sich fragen, ob die Benutzung des einen Systems anstelle des anderen nicht auf die Dauer zu tiefen inneren Verwerfungen führt. Kann man ernstlich DOS-User und zugleich aufrichtiger Papst-Fan sein? Und übrigens: Hätte Céline mit Word, mit WordPerfect oder mit Wordstar geschrieben? Hätte Descartes in Pascal programmiert?

Und die Maschinensprache, die im tiefen Untergrund über das Schicksal beider Systeme entscheidet, gleich in welcher Umgebung? Nun, da sind Altes Testament, Talmud, Kabbala ... *

* Dieser Streichholzbrief wurde 1994 Jahren geschrieben. Inzwischen haben sich die Dinge geändert. Die diversen releases haben Windows 95 und 98 dazu geführt, zusammen mit Mac entschieden tridentinisch-katholisch zu werden. Die Fackel des Protestantismus ist in die Hände von Linux übergegangen. Aber der Gegensatz ist geblieben. (A. d. A., 1999).
Deutsche Übersetzung von Umberto Ecos Kolumne "La bustina di Minerva," in der italienischen Wochenzeitschrift Espresso (30. September 1994).

 

Steve Jobs trifft Bill Gates

Das "Plauderstündchen der Milliardäre" nach 24 Jahren Funkstille

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,485837,00.html

 

 

Menschenverachtender Kult

Der ausführliche Artikel zum Design der Nazis auf den Seiten 08 und 09:

Die Nazis seien Pioniere des Corporate Designs gewesen, sagte Erik Spiekerman am Rande  der diesjährigen TYPO Berlin. Niemals zuvor war Design so effektiv zu Propagandazwecken benutzt worden. Erst durch die Visualisierung gewann die Nazi-Bewegung ihre Überzeugungskraft.

Steven Heller zieht in seinem neu erschienenen Buch „Iron Fists. Branding the 20th-century totalitarian state“ kritisch den Vergleich zu den Branding-Kampagnen unserer Zeit. „Das Ziel strategischen Brandings ist nicht nur die verstärkte Präsenz auf dem Markt […], sondern auch, das Unterbewusstsein zu infiltrieren um angepasstes Verhalten auszulösen.“ Es gehe auch bei kommerziellen Brandingstrategien nicht darum, Konsumenten weiterzubilden, sondern die Loyalität einer Zielgruppe zu erwerben. Falls List oder Täuschungen nötig seien, um dieses Ziel zu erreichen, dann würden List und Täuschungen als Teil der Kampagnen angewandt. Auch wenn Steven Heller den Unterschied zwischen einer Kampagne für Dosensuppe und der Propaganda eines diktatorischen Staates klar erkennt, betont er, dass dennoch die gleiche Mechanik benutzt werde.

Der visuelle Coup der NSDAP war schon vor 1933 lange vorbereitet. Schon in „Mein Kampf“, das Hitler während seiner Haft 1924 schrieb, erklärte er mit Blick auf die roten Fahnen der Kommunisten, dass die NSDAP unbedingt ein gängiges Erkennungszeichen und eine eigene Fahne brauche. Beides entwickelte und beschrieb er genau in seinem Buch – und deutete die internationale und interkulturelle Geschichte des Hakenkreuzes zu einer rein germanischen um (selbst eine US-amerikanische Militäreinheit hatte zwischen dem ersten Weltkrieg und 1939 ein gelbes Hakenkreuz auf roten Grund als Emblem). Entworfen hat die Version des Nazi-Hakenkreuzes Wilhelm Deffke, der mit seiner Firma Wilhelmwerk eines der führenden Designstudios betrieb. Allerdings nutzte Hitler das Emblem ohne seine Zustimmung, was noch in den 60er Jahren Deffkes Assistenten, Paul Rand, dazu brachte, die Verletzung des Urheberrechts durch die Nazis zu beklagen.

SS-Runen für 2,50 Reichsmark

Neben dem Hakenkreuz wurde Hitlers Portrait – und damit Hitler selbst – das zweite visuelle Erkennungszeichen der Nazis. Die Inszenierung Hitlers als „Der Führer“ fand nach dem Tode Hindenburgs seinen Höhepunkt. Hitler verkündete, dass er von nun an nur noch mit „Führer“ oder „Reichskanzler“ angesprochen werden dürfe. In der Folge wurde es verboten, jemanden anderen mit „Führer“ zu bezeichnen, selbst wenn das Wort „Führer“ mit einem anderen Wort verbunden wäre. Fotos durfte nur einer von Hitler machen: Heinrich Hoffmann. Der Heinrich Hoffmann Verlag hatte das alleinige Recht, Bilder von Hitler zu verkaufen – dafür zahlte der Verlag für jedes Hitler-Konterfei Tantieme an den Diktator. Hoffmann und Hitler verdienten nicht schlecht.

Durch Gesetze und Erlasse, eine klar strukturierte und weit verzweigte Organisation sowie konkrete Handlungsanleitungen setzte die Staatsführung das Erscheinungsbild des NS-Staates bis in die fernste Provinz durch. Parteifunktionäre konnten ab 1933 auf das Werk „ABC des Nationalsozialismus“ zurückgreifen, in dem klare graphische Anweisungen gegeben wurden. Am ehesten einem Corporate Design-Manual ähnelte jedoch das „Organisationshandbuch der NSDAP“, das 1936 erschien. Uniformen, Symbole, Wappen, Flaggen, Häuser und die Organisationsform jeder NS-Organisation wurde beschrieben. Wie sollte eine Siedlung der Deutschen Arbeiterfront angeordnet sein? Wie ist eine SA-Abteilung aufgebaut? Wie sieht die Uniform der HJ aus? Die SS-Runen hat übrigens Walter Heck gestaltet – für 2,50 Reichsmark.

Doch waren die Symbole der Nazis nur ein Teil der Strategie. Unter dem Motto „Hitler über Deutschland“ versuchte man, ihn allgegenwärtig als modernen Anführer zum Anfassen zu stilisieren. Per Flugzeug reiste Hitler in bis zu drei Städte am Tag – und wenn er nicht anwesend war, waren Fotografien und Plakate mit seinem Abbild überall zu finden.

„Deutscher Gruß“ – Schlüssel des Mikromanagements

Schon vor der Machtergreifung legten die Nazis großen Wert auf Masseninszenierungen. Ziel war es, durch die schiere Menge Zustimmung und Konformität zu provozieren. Die Nazis verstanden sich darauf, sich als Volksbewegung darzustellen. Zum Beispiel dauerten Demonstrationszüge von 30 000 SA-Männern bis zu fünf Stunden; durch geschickte Regie, tatsächlich war unter anderem der Theaterdirektor Beno von Arent für die Inszenierungen zuständig, sollte eine gigantische Teilnehmermenge simuliert werden. Auch legten die NS-Strategen Massenveranstaltungen gerne in den Abend oder die Nacht – Lichtinszenierungen sorgten bei Appellen, Parteitagen und Märschen für spannungsgeladene Stimmungen.

Zum Branding-Prozess gehörten auch Verhaltensweisen wie beispielsweise der Hitler-Gruß. Alfred Richter verfasste 1933 eine Anleitung, wie der „Deutsche Gruß“ richtig auszuführen sei. Das Buch stellt in Fotografien schlechte und gute Varianten des Grußes dar und vergleicht die Körperhaltung beim Grüßen mit der Form alter Runen. Die Einführung einer üblichen Begrüßungsformel war, so Steven Heller, „der Schlüssel für das Mikromanagement der öffentlichen Meinung“.

Das wahrlich perfide an der Propaganda der Nazis ist ihre Langlebigkeit; der US-Amerikaner Steven Heller nennt es „diabolical durability“. Sein Abschlusssatz zum Design der Nazis lautet: „Der Fakt, dass das Hakenkreuz so starke emotionale Reaktionen hervorlockt […] ist das unheilvolle Testament der Kraft der Nazi-Kampagnen.“

Es ist bezeichnend, dass es ein englischsprachiges Buch ist, dass den derzeit besten Überblick über das Design im Dritten Reich gibt. Zur NS-Zeit gibt es zwar einige Literatur: Sabine Weißler hat über die Geschichte des Werkbundes geschrieben und belegt, dass er kein Opfer der Nazis war, sondern sich willig in die NS-Strukturen einfügte und sogar noch vor den Rassegesetzen vorschrieb, dass Mitglieder nur Arier werden dürfen. Volker Böhnigk und Joachim Stamp haben ein Buch zur Moderne im Nationalsozialismus herausgegeben und beispielhaft Verknüpfungen von Modernisten mit den Nazis dargestellt. Und Rolf Sachsse beschreibt in seinem Buch „Die Erziehung zum Wegsehen“ die Bedeutung der Fotografie im NS-Staat. Doch gibt keines dieser Bücher einen umfassenden Blick auf die Rolle des Design im Nationalsozialismus. Steven Hellers Buch füllt eine Lücke.

Eine Anmerkung: Ich bin sehr erleichtert, dass der Schriftzug „Arbeit macht frei“ in den Eingangstoren der Konzentrationslager Auschwitz, Terezin und Dachau nicht von einem Designer erdacht und vorgeschlagen wurde. Verantwortlich für diesen menschenverachtenden Spruch zeichnet der erste Kommandant vom Konzentrationslager Dachau, SS General Theodor Eicke. Er hat auch das Kennzeichnungssystem für die KZ-Insassen entwickelt: Sterne für die Juden, rote Dreiecke für die politischen Gefangenen, rosa für die Homosexuellen und lila Winkel für die Bibelforscher. Klar, funktional und exakt. Deutsches Design.

bb

 

Autokult

Die ausführlichen Artikel über Citroën 2CV und Fiat Nuova 500 auf den Seiten 10 und 11:

 

Citroën 2CV - der robuste Franzose

„Entwickeln Sie ein Auto, was problemlos 4 Personen und 50 Kilo Kartoffeln transportiert mit einem Tempo von bis zu 60 km/h!“ soll Monsieur Pierre Jules Boulanger dem Designteam zugerufen haben. Es steht schlecht um die Firma. Hohe Produktionskosten führen in die Krise, dann stirbt 1935 auch noch Firmengründer André Citroën. Die Reifenfirma Michelin übernimmt. In Deutschland feiert Volkswagen Erfolge. Ein Gegenstück muss her. Für den italienischen Designer Flaminio Bertoni und Ingenieur André Lefèbvre beginnt das Projekt TPV Tres Petit Voiture (franz. für „sehr kleines Auto“).

Bertoni, begnadeter Zeichner und Skulpteur, arbeitet seit 1932 für den Autobauer. Sein Stil zeigt Einflüsse der Moderne, Lefèbvre steuert Inspirationen aus der Luftfahrt bei. Bedingt durch den 2. Weltkrieg präsentiert Citroën erst am 7.10.1948 den 2CV auf der Pariser Motor Show. Das Publikum reagiert pikiert auf das Design, das sich der Funktionalität unterordnet. Der 2CV ist erdacht für französische Bauern und andere Gewerbetreibende. Preiswert und geländetauglich für Feld, Wald und Wiese. Komfort und Qualität sind Nebensache. Materialeinsparungen wie z.B.ein ins Dach eingebautes Vinylderdeck ersetzen Stahl, ein knapper Rohstoff. Das Nutzfahrzeug geht 1949 in Serie. Die Nachfrage ist groß nach dem kleinen "deux chevaux".

Mit dem 2CV gelingt Citroën in Frankreich, was Volkswagen in Deutschland etabliert: die Volksmotorisierung. Als Konkurrenz zum „VW Käfer“ kostet die „Ente“ Anfang der 60er erschwingliche 3.600 DM und avanciert zum Kultobjekt der Deutschen Studentenbewegung. Wer sie fährt, liebt das "Savoir Vivre", das französische Lebensgefühl von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Fernab des Establishments – im Einklang mit Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot – knattern die Blecheimer und ihre Besitzer quer durch Europa. Bertonis Design der Modelle „Traction Avant“, „2CV“ und „DS 19“ schreiben Automobilgeschichte. Das Auto wird zum Symbol einer Geisteshaltung.

"Das offene Verdeck war bei gutem Wetter unschlagbar." schwärmt Belinda Hoffer, die ein rotes Modell in den 80ern fuhr. "Bei Tempo 100 hatte ich das Gefühl, in einem startetenden Flugzeug zu sitzen. Alles klapperte und ratterte. Das Vinylverdeck leckte. Der Innenraum war feucht und Rost fraß sich durch die billige Verarbeitung.“ Sie blickt zurück mit einem Lächeln. "Ein Auto mit dem Charme der 20er oder frühen 30er Jahre." Veränderte Ansprüche und sinkende Nachfrage führen zur Produktionseinstellung. 1988 läuft in Frankreich die letzte „Ente“ vom Band. 10 Jahre später trennt sich Belinda von ihrem Franzosen, der Deutsche TÜV will es so. Au revoir, monpti.

jz


 

Fiat Nuova 500 - der flotte Italiener

„Der sieht doch aus wie...?!“ Auf den Straßen mischt sich ein origineller Hingucker unter die Autos: der Fiat Nuova 500. Der freche Flitzer bietet den Kleinwagen von "Smart" und "Mini" die Stirn – im eleganten Retrolook.

Ingenieur Dante Giacosa  entwickelt 1936 das 500er Urdesign. Das Mobilitätsymbol einer Nachkriegsgeneration, deren Wohlstand stetig wächst. Die Italiener nennen ihn liebevoll "Topolino", zu deutsch: "Mäuschen".

In Deutschland greift das Wirtschaftswunder. Man entdeckt die Reiselust, ab 1957 auch im Fiat 500, der u.a. in Heilbronn produziert wird. Für viele ist der italienische Kleinwagen ein Funken Lebensfreude: Bella Italia lockt mit sonnigen Stränden entlang der Adria. Mit 13 PS gehts mit Sack und Pack über die Alpen. Das Rolldach sorgt für frischen Wind unter der Sonne. Und heute?

50 Jahre nach Einführung des 500 belebt Fiat die Legende erneut. Ende 2006 signalisiert der Konzern mit dem Corporate Design Wechsel den Schritt zurück in die Zukunft.

Fiat nutzt das Web 2.0 für die Weisheit der Vielen, involviert Konsumenten durchs Internet-Designlabor www.fiat500.com 12 Monate in die Planung und bringt das Auto in aller Munde – noch vor dem eigentlichen Kauftermin. Ein viraler Coup, der sich auszahlt. Die konstruierte Erlebniswelt schafft Spannung – die Neugier wächst. Rund 3 Millionen Fans zählt die Seite, jeder Nutzer ein Individuum mit eigenen Ideen und Vorschlägen. Das endgültige Design entwickelt „Centro Stile Fiat“.

Designer sind ein wichtiger Bestandteil im Produktionsprozess von Wirtschaftsgütern. Mit ihren feinen Antennen fangen sie gesellschaftliche Schwingungen ein und formen sie zu sichtbaren Elementen, deren Wirkung im Vorfeld berechnet ist – und manchmal vom Zeitgeist unberechenbar vereinahmt wird.

Beim Fiat Nuova 500 ist das Produktionsergebnis ein Auto, das schon beim Anblick Emotionen weckt. Die Kraft des "Dolce Vita" verbindet sich mit dem Personalisierungswunsch der Gegenwart. Fiat Nuova 500 bietet seiner Käuferschicht von Jung bis Alt zahlreiche Konfigurationsmöglichkeiten. Eins ist jedoch wie gehabt: der Benzinantrieb. Bleibt bloß die Frage, ob man sich in Zukunft den Spaß noch leisten kann.

jz

 

Freimaurerei – Symbole im Geiste der Aufklärung

Ein ausführlicher Beitrag von Axel Voss zu unserem Artikel auf den Seiten 22 und 23:

Was wir über Freimaurer zu wissen glauben, entstammt meist dunklen Gerüchten und geheimnisvollen Romanen. Dabei steht die Freimaurerei für eine ausgesprochen humanitäre Geisteshaltung. Axel Voss weiß mehr.

Als ich gefragt wurde, ob ich für diese Ausgabe über Freimaurerei schreiben würde sagte ich mit Freuden zu, da ich einmal mehr Gelegenheit finde über Missverständnisse, Vorurteile und Halbwahrheiten aufzuklären.
Ich bekenne mich stolz und offen als Mitglied des Bundes, da man als Freimaurerbruder oder -schwester in unserem Staat nicht mehr um Leib und Leben fürchten muss.
Doch gleich zu Beginn stoße ich schon auf ein Problem, das auch bei vielen schon Argwohn weckt. Wenn ich gefragt werde, was ich dort auf diesen Treffen eigentlich mache und was denn die Freimaurerei eigentlich ist wird es schwierig. Wenn man zehn Freimaurerbrüder oder -schwestern fragt, was die Freimaurerei eigentlich ist, bekommt man zehn diverse Antworten. Diese Verwirrung für einen Außenstehenden liegt nicht an der Antwort sondern an der Fragestellung. Es geht vielmehr darum was mir die Freimaurerei bedeutet. Da es keine Dogmen gibt, findet jeder seine persönliche Interpretation.

Seit der Entstehung der ersten Mythen stellt der Mensch die klassischen Fragen:
Warum bin ich hier? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?
Auch ich habe immer den Drang in mir verspürt Antworten zu finden.
Seit Jahrhunderten stellt sich der Bund der Freimaurer diesen Fragen auf der Suche nach Erkenntnis und so fand ich meinen Weg zur Loge.

Wie diese entstand? Nun, alles begann im 14. & 15. Jh. zur Zeit der großen Kathedralen. Einen besonderen Status in der mittelalterlichen Gesellschaft genossen die Steinmetzbruderschaften der Dombauhütten. Sie waren frei geboren, d.h. frei von Leibeigenschaft oder feudaler Abhängigkeit. Der Absolutismus erlaubte Privilegien wie freies Reisen nur für Adel, Klerus und
den Zünften. Aus ganz Europa zusammengekommen trafen sich die Mitglieder der Steinmetzzunft in der Dombauhütte (engl. Lodge), wo Lehrling, Gesellen und Meister arbeiteten.
Berufsgeheimnisse wurden in den Logen der drei Grade besprochen und ein Angereister musste sich durch drei geheime Losungen in seinem Grad ausweisen: ein Passwort, ein Zeichen und ein Handgriff.
Zur Spätrenaissance, einer Zeit als Religion & Wissenschaft sich die Erkenntnisfindung streitig machten, ging der Kathedralenbau zurück. Interessanterweise ließen sich nun plötzlich immer mehr Menschen in den Bund aufnehmen, die ganz andere Berufe hatten. Der hermetische Ort der Bauhütte, wo kein Geheimnis nach außen drang, wurde von Adeligen, Offizieren, Ärzten und Schriftstellern entdeckt, um sich hier intellektuell auszutauschen.
Im Chaos der Intoleranz und des religiösen Fanatismus des 17. Jh. war die Loge neutraler Boden und wurde so Keimzelle und Hort der Aufklärung, Philosophie und Wissenschaft. Aus der operativen wurde die so genannte spekulative Maurerei, aus den Hütten Unterweisungsräume.

Am 24. Juni 1717 schlossen sich in London vier Logen zur ersten Großloge zusammen.
Dieser Tag gilt als offizielles Gründungsdatum der Freimaurerei.

Heute definiert das Lexikon die Freimaurerei als eine weltumspannende humanitäre Initiationsgemeinschaft, die Menschen aller sozialen Schichten und Bildungsgrade vereint und der geistigen und ethischen Vervollkommnung ihrer Mitglieder dient.
Nach außen besteht die wichtigste Aufgabe eines Freimaurers in karitativer Arbeit und der Förderung von Bildung und Aufklärung. Mit Hilfe von Zeremonien und Riten
(Brauchtum, Tempelarbeit, Freimaurerische Gesprächskultur) vermittelt die Freimaurerei ihren Mitgliedern eine Lebensphilosophie, die sie dazu anhalten soll, den Grundidealen der Freimaurerei näher zu kommen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität.
Durch sein Gelöbnis ist ein Freimaurer an Verschwiegenheit über freimaurerische Erkennungszeichen, Rituale und vertrauliche Informationen der Privatsphäre anderer Mitglieder gebunden. Damit soll in der Loge Gesagtes und Erfahrenes nicht nach außen getragen werden. Diese Gewissheit gilt als Grundvoraussetzung für einen freien Ideen- und Meinungsaustausch.
Die heutige Freimaurerei organisiert sich weltweit in eingetragenen Vereinen, hält ihre Organisationsstrukturen keineswegs geheim und macht Öffentlichkeitsarbeit; sie ist daher nicht als Geheimbund anzusehen.

Symbole sind Grundlage der Freimaurerei. Sie kennzeichnen die freimaurerische Sprache und Ausdrucksweise und sind das wichtigste Ausdrucksmittel im Ritual. Wer das Symbol intellektuell erfassen will stößt nur auf ein Zeichen oder eine Allegorie. Entscheidend ist jedoch das gemeinsame emotionale erleben und erkennen der Symbole im Verlauf der Tempelarbeit.

In einem Freimaurertempel einer Loge wird das Ritual, die Maurerarbeit, praktiziert. Ein Versuch, durch das bewusste Nacherleben einer möglichst präzisen äußeren Ordnung eine innere Ordnung im Menschen anzuregen.
Die feierliche Einrichtung des Tempels sorgt für eine Stimmung, die entscheidend zur »Erlebnisfähigkeit« der Einzelnen beiträgt. Erst das Abschalten vom Alltagsleben und die Besinnung auf ethische Ziele und Werte erlauben es dem Freimaurer, mit den Werkzeugen geistigen Bauens umzugehen. Im Tempel sammelt er Kraft, um im profanen Leben am Ideal der humanen Gesellschaft zu bauen. Dies wird als Arbeit am »Rauhen Stein« bezeichnet und versinnbildlicht dabei die Arbeit des Menschen an sich selbst ohne uniform zu sein.
Die symbolischen Werkzeuge wurden in den Unterweisungen der jeweiligen Grade vermittelt, die Zunftgeheimnisse der Bauhütten früher auf dem Boden aufgetragen und nach Beendigung der Schulung weggewischt. So entstanden die Arbeitsteppiche als Bauplan des Lebens, der alle wichtigen Lehrsymbole schon in sich trägt. Hier finden sich Werk-, Natur- und Ursymbole – alles Codes, die sich in dieser faszinierenden Erkenntnisschule durch die gesamte Kunst ziehen.

Das erlesene Wissen und die Erfahrungen, die ich mit meinen Brüdern und Schwestern auch auf meinen Reisen machen durfte, haben mich geprägt. Natürlich spiegelt sich das auch in meiner kreativen Arbeit wieder. Ein Symbol ist für mich immer mehr als ein Zeichen.

Als ich die Internetseite für meine Loge gestaltete war mir sehr wohl bewusst, welche Geschichte unser Bijou, das Logenabzeichen, hatte. Es wurde in den späten 20ern von Brüdern geschaffen, die sich, bedroht und verfolgt von der NS-Diktatur, heimlich trafen, um gemeinsam mit ihren jüdischen Mitbrüdern das Ritual durch die »dunkle Zeit« zu retten.
Die freimaurerisch so bedeutsame Zahl Drei wird, vom Dreieck ausgehend, in jedem Winkel mit einem weiteren Dreieck wiederholt. Die Farben blau und gelb symbolisieren die Art der Loge und die Suche nach Erkenntnis. Der Buchstabe schliesslich steht nur offensichtlich für Beethoven, den Namenspatron der Loge, doch auch hier sind individuelle Interpretationen möglich...
Das so oft zitierte Freimaurerische Geheimnis liegt vielleicht gerade in diesem Nichtfassbaren.

Axel Voss

Meine Antwort der eingangs gestellten Frage, was mir die Freimaurerei bedeutet, ist nachzulesen unter:

www.loge-beethoven.de